für Adam Zagajewski
für Eva Vēvere
Drei Wege führen zum Meer. Du kannst einfach hinuntergehen, vorbei an Häusern, deren Fenster Sklaven des Meeres sind, ans Meer gefesselt; sie verschlingen das Meer jeden Tag, ohne Pause, oder sie sind sein willenloses Spiegelbild, gleichgültig, apathisch, schläfrig. Wenn der Sommer beginnt, wachsen links, direkt am Zaun, Himbeeren – du hast ein Recht auf ihren süß-sauren Saft. Oder vielleicht ist jemand bei dir und bietet dir auf der Handfläche eine Himbeere dar, als würde er eine Geschichte aus seinem Leben mit dir teilen, eine verwirrende, ein bisschen lustige und ein bisschen traurige Geschichte. Ein paar Schritte weiter kannst du dich mit einer roten Johannisbeere bedanken. Sie wächst hier wild – der Wind hat sie großzügig gesät. Zwischen den Felsen sieht sie exotisch aus. Dann wird der Pfad schmaler, führt steil nach unten. Du kommst an einen steinigen Strand, wo am Morgen niemand ist. Deine Füße können ihren Tastsinn wiedererlangen, eine liaison mit den Steinen eingehen.
Oder du nimmst den rechten Weg, den längeren, er führt am Ufer entlang. An der Gabelung gehst du nach unten, gleich hinter dem Kirschbäumchen, dessen rote Früchte auf der Straße wie Action Painting aussehen. Von dort aus sieht man schon eine alte Holzbude, den Fischladen. Unter ihm ragt wie eine Zunge der mit Fischernetzen behängte Steg hervor, von dem ein Junge springt. Ja, er ist jetzt dieser junge Mann aus Paestum. Er heißt Borge oder Sven. Und er ist in ein Mädchen verliebt, mit dessen Haaren der Wind spielt. Maria oder vielleicht Marme. Es ist ein heißer Nachmittag, das Mädchen sitzt auf dem Steg, lässt die Beine baumeln, erlaubt der Sonne, ihre Gedanken zu stehlen. Vielleicht denkt sie daran, bald wegzugehen, zu studieren, irgendwo weit weg. Der Junge nimmt ihr das übel und springt niedergeschlagen, verbittert ins Wasser, als könnte es ihn retten. Er hat einen glatten Körper, kurz schwebt er zwischen Steg und Wasser, kurz ist er nirgends. Ich sehe ihn auf der Postkarte am Kühlschrank in der Küche meines Freundes. Er ist auf vielen Postkarten, Magneten, auf Buchumschlägen, Heften. Ein Simulacrum der Unendlichkeit. Der ewige Springer, der nie das Wasser berührt.
Sein klares Auge steht im Gegensatz zu dem Kalkstein, der die Gruftwand bildet, es ist wie ein Auge aus einer anderen Welt, ein Blick in die Zukunft oder die Vergangenheit.
Das Fresko ist so einfach, als hätte ein Kind es gemalt. Das Meer sieht aus wie eine blasige Pfütze, die Säule, von der unser tuffatore springt, ist schief, neigt sich, als wolle sie ihm nachspringen, ins Wasser fallen. Daneben wächst ein dürrer Baum, mit den Ästen wedelnd, als wäre er ein Meerespolyp oder Shiva mit den vielen Armen, auf einem Bein, erfasst vom Maler im Tanz des Lebens und des Todes, der uns von den Fesseln der Illusion befreien soll. Der Springer hingegen hat den Idealkörper, er ist ein Streifen, fast eine Linie, eine lange Schnecke mit einem Kopf anstelle des Hauses. Sein klares Auge steht im Gegensatz zu dem Kalkstein, der die Gruftwand bildet, es ist wie ein Auge aus einer anderen Welt, ein Blick in die Zukunft oder die Vergangenheit. Aber das interessiert uns nicht. Es geht nicht um den Moment des Schwebens, sondern um den Moment, in dem er aufs Wasser auftrifft, eintaucht, sich dem Wasser hingibt.
Du kannst auch weitergehen, nicht beim Kirschbaum abbiegen. Der Weg windet sich lange, bis er an einem kleinen Hafen endet, von dem aus du die Fähre nimmst. In dem Land mit seinen Wurzeln im Bauerntum, mit seiner Allergie gegen den dänischen und schwedischen imperialistischen Eifer, tragen die Fähren die stolzen Namen „Kongen“ oder „Dronningen“[1]. Ein Schimmer von Selbstironie oder der Beweis nicht erfüllter Ambitionen? Eine dieser königlichen Maschinen bringt dich auf die Insel.
Dort empfängt dich ein kleiner Steg. Auf der Brüstung am Haus steht vermutlich eine leere Tasse vom Morgenkaffee, in der der Eigentümer Bienen und Fliegen fängt. Dich führt der starke Geruch nach Kräutern, du kannst dich nicht verirren. Es blühen Ehrenpreis, Mädesüß und Bärenklau. Geh bis zum Ende, über den Inselrücken und weiter nach unten, wo sich das Gesicht des Meeres öffnet. Es ist jeden Tag anders. Von den Strömungen gezeichnet, vom Wind zu Rüschen geheftet, wie das Gesicht von Beckett oder Auden, der davon dichtete, dass man sich der Liebe hingeben soll, auch wenn sie uns täuschen kann, dass man in den Fluss gehen soll, um zu erfahren, dass man etwas verloren hat: „O tauch deine Hände ins Wasser, / Tauch ein bis ans Handgelenk; / Starre, starre ins Becken / Und was du versäumt hast, denk.“ Aber vielleicht ist noch nicht alles verloren. Vielleicht sollten wir in dieses Wasser gehen, um zu erfahren, was wir verlieren könnten, wenn wir nicht hineingehen würden … und „O schau, schau in den Spiegel, / Schau deinen Kummer an: / Dir auch ist Leben ein Segen, / Dir, der nicht segnen kann.” Ist das Gesicht des Meeres nicht unser Spiegelbild? Gesprenkelt mit felsigen Inseln, Schären, Rundhöckern, verschlungenen Signaturen, den Paraphen des Gletschers, der vor zwanzigtausend Jahren da vorbeikam. Und stell dir vor, auf diesem gesprenkelten Weg können wir direkt von Stavanger nach Nordkap fahren … Dann wieder ist das Antlitz des Meeres glatt wie die Heimreise des Reisemüden, des Heimsehnsüchtigen – einer Person, die homesick ist. Was jedoch ist jemand, dessen Zuhause das Meer ist, der ewig Meersehnsüchtige? Sicher nicht seasick …
Aber kommen wir zum Ende der Insel zurück. Heute erinnert das Meer an einen japanischen Holzschnitt, der Wind schneidet es mit dem Beitel. Algen wiegen sich im Rhythmus der Wellen wie die alten Juden in der Synagoge. Das Wasser ist Samt, Atlas, ein glattes Tier. Es ist durchsichtig, auf dem Grund schwimmt dein Schatten mit dir, ein wässriger Doppelgänger. Wenn Schwimmen ein Lied wäre, würde es von Liedern handeln, wenn es ein Traum wäre, dann ein harter, kurzer, intensiver Traum, in den wir plötzlich in der Straßenbahn verfallen, für eine Viertelstunde, nach einem schweren Tag. Wäre es ein Porträt, dann die „Lady in Blue“ von Chaïm Soutine, das Bildnis einer fiktiven Person, ein Porträt der Melancholie, die ihn verfolgte, wie die Juden im russischen Zarenreich verfolgt wurden, wo der Maler auf die Welt kam. Aus der Gemeinschaft der orthodoxen Juden, die Porträts missbilligten, ausgeschlossen, nachdem er versucht hatte, den Rabbi zu malen.
Abgelehnt, unverstanden fand er in Paris ein Zuhause, wie so viele andere jüdische Maler aus Osteuropa. Die Lady auf dem Porträt hat den Blick nach innen gekehrt, in sich hinein. Die Augen sind von derselben Farbe wie das Kleid, der Hintergrund, die Farben des Meeresgrunds. Sie sind Elegie, Nostalgie, Rätsel. Die Lady hält rote Mohnblumen, die aus ihrem Mund gewachsen sind, oder aber ihre etwas gespitzten Lippen haben die Farbe des Mohns angenommen. Wäre das Schwimmen eine Landschaft, wäre es die toskanische Landschaft, die Piero della Francesca eingeschmuggelt hat, als er Johannes den Täufer darstellte, wie er Jesu Kopf mit Wasser aus dem Fluss übergießt, der von den Hügeln herunterkommt und den Himmel und das bunten Gewänder der Gestalten im Hintergrund fast exakt widerspiegelt. Piero della Francesca war ein Architekt unter den Malern, seine Gestalten sind Säulen, Gewölbe, ihr Teint wie Marmor. Piero war Mathematiker und Maler, Wissenschaftler und Künstler. Jede Geste wird wiederholt, findet ihr Echo in der Landschaft. Das gebeugte Knie des Täufers wiederholt sich in der Flussbiegung, die Gewandfalten sind nach den Straßen dahinter ausgerichtet. Die Taube über Jesu Kopf ist eine der Wolken. Das Fresko scheint symmetrisch mit Jesus als zentraler Figur. Aber bei Piero ist nichts offensichtlich, und jede Symmetrie ist berechnet und ein bisschen verschoben, nur ein bisschen. Der Mann weiter hinten fesselt unsere Aufmerksamkeit. Er ist der ideale Kontrapunkt zum mäandernden Fluss. Er hat nur eine Unterhose an, wir sehen sein Gesicht nicht, er zieht sich das Gewand über den Kopf und beugt sich dabei über das Wasser, als würde er gleich hineintauchen, um sich zu waschen. „Take me to the water“, singt Nina Simone, „to be baptized.“

Ins Wasser zu gehen heißt, sich hinzugeben. Das Wasser führt dich zum Tanz. Die Sonne überzieht die Wellen mit Gold. Wenn du auf dem Wasser liegst, verwandelst du dich für einen Moment in Danaë. Aber vielleicht ist das naiv, wir unterliegen der Interpretation der Herren Tizian und Rembrandt, die uns Danaë gezeigt haben, wie sie fast überschwänglich den als Goldregen verkleideten Zeus begrüßt (Tizian), oder neugierig, mit wie einladend ausgestreckter Hand (Rembrandt). Es ist jedoch möglich, dass Danaë heute zur MeToo-Bewegung gehören, für die Frauenrecht kämpfen würde. Sie würde Zeus der Vergewaltigung bezichtigen, den Gott vor Gericht bringen, wenn es ein Gericht für Götter gäbe … Jemand würde ihn in der Presse einen Narzissten nennen, einen Chauvinisten und Megalomanen. Vielleicht sind das also nur Tizians und Rembrandts ways of seeing, wie uns John Berger gelehrt hat, dabei geht es doch um ways of being, den Moment des Seins. Wir müssten also die Nacktheit vom Akt unterscheiden. Das Sein vom Seienden. Des Seienden, das sich zu seinem Sein selbst verhält, wie Heidegger sagt, und nicht zu etwas oder nichts.
Der norwegische Sommer ist launisch, vielleicht bedeckt ein riesiger, flauschiger Nebelschwanz den Fjord. Oder niedergehender Regen küsst das Wasser. Dann elektrisiert sich das Meer, und Salzwasser ist überhaupt nicht wie Wein, wie der alte Segler Herman Melville (nach Homer) meint, sondern eher wie Wodka, es bringt das Blut in Wallung, trifft direkt in den Kopf. Melville hatte aber auch Recht, wo immer du auch bist, laufen die Straßen dem Meer zu. „Alle Welt weiß, dass, wo gedacht wird, allemal Wasser damit verbunden ist.“ Das Meer ist eine endlose Hypnosesitzung. Es ist Aberration und Wonne, Trost und Wahnsinn. „Natur ist Energie und Kampf“, sagt uns derselbe John Berger, der uns gelehrt hat zu schauen und zu sehen. Das Meer ist nicht immer schön, edel. Es ist ein unergründliches Potenzial erschreckender Kraft, eine enorme Quelle permanenter Bedrohung. Kinder an holländischen Schulen lernen, in Kleidung zu schwimmen, für alle Fälle.
Vielleicht ist es der gleiche Doppelpunkt wie aus dem Gedicht von Adam Zagajewski: „Schwimmen ist wie ein Gebet“, schrieb der Dichter, der sich mit dem Mittelmeer angefreundet hatte.
Das Meer ist demokratisch, es behandelt alle gleich, manchmal auch rücksichtslos. Man muss also einen Zufluchtsort finden. „Das erste Gebet ist ein Schutzgebet. Das erste Lebenszeichen ist Schmerz.” Und trotzdem, tröstet uns Berger weiter, in diesem düsteren Kontext der Natur existiere die Möglichkeit, dem Schönen zu begegnen. Und es ist eine ganz unerwartete Begegnung, wenn sich vor uns das Herz des Meeres öffnet; wenn wir es mit den Armen auseinanderschieben wie einen Wasserdschungel und weiter schwimmen, öffnen wir den großen, unergründlichen Schrank des Meeres, wenn uns die Federn des Waldes umgeben, wenn direkt vor uns ein Haubentaucher auftaucht (die Wege, die er unter Wasser zurücklegt, werden für mich immer das größte Rätsel bleiben), wenn wir nachts, auf dem Rücken unter einem sternenübersäten Himmel schwimmend, für einen Moment ein Abbild des Sternbilds Schwan sind, wenn wir durch den Doppelpunkt der Monde schwimmen. Vielleicht ist es der gleiche Doppelpunkt wie aus dem Gedicht von Adam Zagajewski: „Schwimmen ist wie ein Gebet“, schrieb der Dichter, der sich mit dem Mittelmeer angefreundet hatte. Ist es das Gebet, das Berger uns empfiehlt? Es gibt den Zufluchtsort, die Möglichkeit, die Natur zu besänftigen. Das aquatische Gebet ist einfach: „Hände verbinden und lösen sich, / verbinden und lösen sich, / fast endlos.“
Aber du bist nicht dort. Du bist in deiner Wohnung, im obersten Stockwerk, im Turm, dessen Fenster auf den kleinen Park hinausgeht. Die einzige Wasserquelle ist der sozrealistische Brunnen mit den Statuen zweier Jungen – oder sind sie vielleicht die Amores des Sozrealismus, sowjetische Schutzengel? Einer hält eine Schildkröte, der andere ein Krokodil, sie speien im Sommer Wasser. Die Nasen der Statuen sind abgebrochen. Kleine, sozrealistische, an Rätseln arme Sphingen. Es ist Pandemie, wir alle lernen ein neues Wort: lockdown. Ich kann abends nicht einschlafen und höre, wie sich die jungen Leute nicht einschließen lassen wollen, wie ihre Jugend ihnen sagt, dass sie hinausgehen sollen, flüchten, sich im Park um den Brunnen versammeln, und, wie im Decamerone, trinken, lachen, erzählen. Der Rücken der einen Statue dient als pillow book. Vielleicht hat ein junger Mann die Euphorie seiner erotischen Eroberungen mit roter Farbe darauf verewigt: „Dieses Kind ist von mir“, verkündete er triumphierend. Man weiß es nicht, aber vielleicht ist es eine subtile Litotes, eine ironische Ode an die Statuen, denn der Autor hatte es nicht versäumt, adäquat die Körperteile zu unterstreichen, das heißt, den Hintern und die Gliedmaßen, damit wir uns auch wirklich keine Illusionen machen …
Es wird spät, ich höre, wie der Regen auf das Dach schlägt, mein einziger Wassersegen. Er verjagt die Jugendlichen wirkungsvoller aus dem Park als die Polizei, die jetzt durch die Stadt patrouilliert und Jagd auf Leute macht, die zu dicht beieinanderstehen oder keine Maske tragen. Früher war ein maskierter Mensch gefährlich, das verdeckte Gesicht bedeutete, dass er etwas verbirgt, böse Absichten hat. Heute ist es andersherum … Ich liege im Schlafzimmer unter einer großen Karte des Vestfjord, die riesige Wasserfläche ist befleckt von der Tinte der Landflächen, als hätte nicht ein Gletscher das Land zerschnitten, sondern, als hätte ein großes Landtier Schlammspuren hinterlassen, die inzwischen getrocknet sind. Nicht nur mir ist dieser Gedanke gekommen. Die Inselgruppe der Lofoten hat ihren Namen von der Luchspfote: ló bedeutet im Altnordischen Luchs, fótr heißt Pfote. Die benachbarte Insel Flakstadøya im selben Archipel hatte früher den Namen Vargfót, also „Wolfspfote“. Aber was mache ich hier, die „Lady from the sea“? Ibsen würde mich auslachen. Ebenso Derek Mahon, der, indem er den norwegischen Dramaturgen paraphrasiert, der Lady from the Sea, der Madame Bovary des Meeres, so ein erbärmliches, spöttisches Lied in den Mund legt: “Born in a lighthouse, I still find it hard / as wife to a doctor ten miles from the coast. / My home is a pleasant one but I get bored; / the mountains bother me.” Ja, es ist sehr angenehm hier in meinem sicheren Käfig. Aber was ist das für ein Leben ohne Wasser, ohne Meer?

© Anna Hartman Sycinska
Die Sahara war irgendwann einmal grün, vor zehntausend Jahren war dort ein riesiger Strand, der wohl mühelos mit der Copacabana hätte konkurrieren können. Die jetzige Wüste war eine ausgedehnte Struktur miteinander verbundener, nur drei Meter tiefer Seen und sandiger Nehrungen – ein paläolithischer See. An einer Höhlenwand im Gilf el-Kebir nördlich des Gabal Uwainat in der Libyschen Wüste sind Felszeichnungen von Schwimmern zu sehen. Vielleicht sind es auch keine Schwimmer. András Zboray, der sich die 7.000 Jahre alten Malereien durch seine archäologische Lupe ansah, sieht in ihnen nicht so sehr Schwimmer, auch wenn sie daran erinnern, sondern in der Luft schwebende Jäger, die dem Wild folgen. Es seien nur Symbole, menschliche Stempel, keine getreuen Zeichnungen, die versuchen, die Wirklichkeit darzustellen, meint der Archäologe. Die Höhle wurde in den 1930er Jahren von dem ungarischen Adligen László Almásy entdeckte. Er diente zur Zeit des ersten Weltkriegs bei den k.u.k. Luftfahrtruppen und war während des II. Weltkriegs Spion. Er war Zeuge, wie das österreichisch-ungarische Imperium zerfiel und entdeckte die „Höhle der Schwimmer“, während er die Wüste erforschte. László Almásy inspirierte Michael Ondaatje zu seinem Roman Der englische Patient, aber die Hauptfigur ist ein blasser Schatten unseres echten Protagonisten. Der englische Patient verhält sich zu dem echten Adligen wie ein Trotzkist zum echten Kommunisten, wie ein „echter“ Kommunist sagen würde. Oder wie ein Pewex-Geschäft im kommunistischen Polen (wo man nur in US-Dollars zahlen und verbotene westliche Waren kaufen konnte) zu einer Botschaft. Es gibt da eine Anekdote über einen Mann, der zu Zeiten der Volksrepublik in einen Pewex rannte, über die Theke sprang und um Asyl bat.
Almásy war allerding homosexuell, er schrieb leidenschaftliche Liebesbriefe an einen deutschen Offizier, den er vor dem Kampf an der Ostfront retten wollte.
Es gibt noch Fotos des Adligen. Groß, schlank, in Lederjacke mit Zigarette, mit schmalem, langem Gesicht, nach hinten gekämmtem Haar – er erinnert an einen Spion aus einem Schwarz-Weiß-Film, könnte an der Seite von Greta Garbo spielen. Auf einem anderen Foto trägt er eine Pilotenmütze, mit der obligatorischen Zigarette, sie waren wohl unzertrennlich, er erinnert an Antoine de Saint-Exupéry. Auf einem dritten Foto steht er wie ein Beduine gekleidet mit einem Vermessungsinstrument in der Wüste wie mit einer jüdischen Braut. Almásy war allerding homosexuell, er schrieb leidenschaftliche Liebesbriefe an einen deutschen Offizier, den er vor dem Kampf an der Ostfront retten wollte. Er war auch in die Monarchie verliebt und sehnte sich nach der Rückkehr der Habsburger auf den Thron. Irgendwie ähnelte er dem Helden des Films Europa, Europa von Agnieszka Holland: Er sympathisierte mit den Nazis, war offen und bot seine Dienste auch den Briten, Italienern und Sowjets an, wurde aber abgelehnt. Seinen Titel hatte er von Karl erhalten, dem Enkel von Kaiser Franz Joseph, dem er 1921 half, nach Budapest zu gelangen, um die Monarchie wiederherzustellen. Später soll er in einem erbeuteten britischen Ford dreitausend Kilometer durch die Wüste zurückgelegt haben, entlang des Oasenwegs, an den er sich so gut erinnerte.
Genau wie Ned Merrill, der Protagonist aus John Cheevers Kurzgeschichte Der Schwimmer, der auf einer sonntäglichen Party in den Vororten Connecticuts, in einem Garten der amerikanischen Mittelklasse, mit einem Kater und aus Langeweile überlegt, dass er durch alle Swimmingpools der Nachbarschaft „sein Haus auf dem Wasserwege erreichen könne“. Neddy, wie ihn seine alten Freunde nennen, bahnt sich im strömenden Regen, frierend und müde seinen Weg zu seinem merkwürdigerweise verlassenen Haus, wo er vor langer Zeit wohl glücklich mit seiner Frau und seinen Töchtern gelebt hatte, von denen aber keine Spur mehr zu finden ist. Anders als bei unserem Grafen Almásy „schwamm“ darin mit Rommels deutschem Spion Hans Eppler durch die Wasserlöcher, damit dieser ein deutsches Geheimdiensthauptquartier auf einem am Nil liegenden Boot errichten und Informationen der britischen Truppen an Rommel senden konnte. Ondaatje erklärte später, dass ihn allein Almásys Leidenschaft für die Wüste, seine Hartnäckigkeit bei der Recherche und seine Besessenheit zu dem Roman inspiriert hätten. Die Beduinen nannten ihn angeblich ironisch den Wüstenvater. Tatsächlich lebte er fast gemäß eines Apophtegmas: „Wer den Tod ständig vor Augen hat, überwindet immer seine Feigheit.“
Die Felsschwimmer sehen aus wie kleine rote Käfer, unbeschwert, mit großen Oberkörpern und dünnen, erhobenen Gliedmaßen, wie Zirkusartisten, die von Seil zu Seil springen. Ihre gebogenen Körper, die nach vorn gestreckten Köpfe, die Arme – sie sind Wasserharlekine, aquatische Pierrots, tauchende Engel Giottos. Wenn die Etrusker hätten schwimmen können, anstatt nur zu liegen, hätten sie im Wasser so ausgesehen. Die Figuren der Schwimmer sind von einem Meister geschaffen, er fängt ihre anmutigen Bewegungen ein, die Bewegung ihrer Arme, die das Wasser teilen. Sie ähneln den Aquarellen der Wüstenbewohner des katalanischen Malers Miguel Barceló. Feine, melodische, flexible Körper. Schließlich stammt das Wort Meer von der indogermanischen Wurzel mar, was „sterben“ bedeutet. Meer bezeichnete einen kargen Raum, ohne Vegetation. Wann füllte er sich mit Wasser?
Ich bekomme eine E-Mail von dir, fast wie eine Flaschenpost, mit Fotos von einem Leuchtturm auf den Lofoten. Die Echsen- und Krokodilrücken der Inseln ragen aus dem Wasser, die Wellen tragen weiße Bärte, und die Möwen setzen den Himmel in Anführungszeichen. Du bist wie der Seemann in Mahons Gedicht (nach Ibsens Drama), der seine Meeresgöttin sucht und sie verführt: „give me your heart and come away with me. / to the Spice Islands, the South Seas; anywhere. / Only the force of habit keeps you here.“ Und ich könnte Mahons Zeilen stehlen und dir antworten: „Ich rieche Salz, verschanzt in meine Räume, / das weite Meer hinter den Stränden; / mein Geist sind Wellen, Delten meine Träume, / tiefer als Ankerketten reichen könnten.“
Byron wurde von ihrer Geschichte so inspiriert, dass auch er beschloss, die Meerenge zu durchschwimmen; er brauchte weder eine Geliebte noch eine Lampe.
Ich schreibe scherzend zurück, dass ich keine Angst vor Lockdowns oder geschlossenen Grenzen habe, dass ich zu dir schwimme. Wie Leander, der jede Nacht den Hellespont durchschwamm, geführt von einem Licht, das seine geliebte Hero am anderen Ufer auf einem Turm entzündete. Die schöne Hero war von der Göttin Aphrodite für ihre Arbeit im Tempel auserwählt worden, weshalb die Liebenden ihre Wasserromanze geheim hielten. Bekanntlich endete sie nicht glücklich: Entweder verschlief Hero und zündete die Lampe nicht an, oder die Lampe erlosch. Jedenfalls ertrank Leander in den winterlichen Meerestiefen, woraufhin die verzweifelte Hero ihm hinterhersprang. Byron wurde von ihrer Geschichte so inspiriert, dass auch er beschloss, die Meerenge zu durchschwimmen; er brauchte weder eine Geliebte noch eine Lampe. Auch der Amerikaner Richard Henry Dana Jr. muss diese mythologische Geschichte gut gekannt haben. Bevor er Anwalt und Politiker in Massachusetts wurde, heuerte er auf einer Brigg namens „Pilgrim“ (nomen est omen) an und beschrieb in seinem Buch Zwei Jahre vorm Mast Kap Hoorn meisterhaft, wie Melville behauptet – vermutlich mit einem Eiszapfen statt einer Feder. Aus diesem Buch stammt die Anekdote über den Smutje, der so sehr an seiner Sau Old Bess hing, die die ersten drei Monate an Bord mit ihm verbrachte und später in San Diego an Land bleiben musste: „Tatsächlich ruderte er an mehreren Abenden nach Einbruch der Dunkelheit heimlich ans Ufer, mit einem Eimer voller Leckerbissen für Bess – und kehrte dann so verstohlen zurück wie Leander nach seiner Überquerung des Hellesponts.“
Doch was erzählt uns dieser Mythos denn wirklich? Ist er nur eine weitere unglückliche Liebesgeschichte? Ist Leander leichtsinnig oder ein Held (obwohl die heroische Art und Weise, wie er Hero seine Liebe beweist, so grotesk ist)? Ist er weit entfernt von den beiden jungen Syrern Hesham Modamani und Feras Abukhalil, die es schafften, vom westlichsten Punkt der türkischen Stadt Çeşme zur griechischen Insel Chios zu schwimmen? Modamani erzählte später, wie große Angst er gehabt habe und wie kalt ihm gewesen sei, und doch, als er den Sternenhimmel erblickte, dachte: „Bestimmt gehören wir zu den wenigen, die das erlebt haben.“ Tatsächlich fliehen nur wenige Menschen schwimmend vor dem Regime eines Diktators … Wird ihre Geschichte zum Mythos? Sahen die Griechen in einem Mythos eine Geschichte über das Göttliche, über ein göttliches Element in der Welt, also einen Bruch mit der Realität, einen Moment gesteigerter Wahrnehmung oder vielleicht eine schöne Erzählung, die unsere Sterblichkeit erklärt?
Die Erfahrung von Schönheit ist nicht bedeutungslos, aber auch nicht zwangsläufig, und sie erreicht nicht als Erste das Ziel – wenn wir uns nur vorstellen könnten, wie verschiedene Erfahrungsebenen miteinander um die Wette laufen.
Roberto Calasso, einer der bedeutendsten zeitgenössischen Mythenkenner, schreibt in Die Hochzeit von Kadmos und Harmonia, dass dieser Moment nicht nur ein Moment der Selbsterkenntnis, sondern auch der Ästhetik ist. „Der erste Feind der Ästhetik ist die Bedeutung“, so Calasso. Ein Mythos ist eine ästhetische Erzählung, eine Interpretation des schöpferischen Aktes zwischen Schrecken und Schönheit. Die Erfahrung von Schönheit ist nicht bedeutungslos, aber auch nicht zwangsläufig, und sie erreicht nicht als Erste das Ziel – wenn wir uns nur vorstellen könnten, wie verschiedene Erfahrungsebenen miteinander um die Wette laufen. Vielleicht würde die Poesie siegen, der schöpferische Akt, der sich nicht den Bedürfnissen des Marktes und der Gesellschaft anpassen muss. Poesie und Schwimmen haben keinen Zweck an sich. Wir können entscheiden, von Çeşme nach Chios oder über den Hellespont zu schwimmen, aber der Akt des Schwimmens selbst, die Erfahrung des Schwimmens, ist ein schöpferischer Akt, der uns gleichzeitig Schönheit und Vergänglichkeit bewusst macht. Beiden wohnt eine gewisse Sehnsucht nach dem absoluten Augenblick inne, es ist ein Widerstand gegen äußere Kräfte.
Für den französischen Philosophen Gilles Deleuze ist jeder schöpferische Akt ein Akt des Widerstands. Giorgio Agamben greift diesen Gedanken auf, stimmt ihm aber nicht gänzlich zu und sucht Rat bei Aristoteles, der bekanntlich die Begriffe Potenz und Akt in die Philosophie einführte. Jeder, der das Potenzial zu einem bestimmten schöpferischen Akt besitzt, kann diesen entweder vollziehen oder nicht – dank Aristoteles’ Großzügigkeit können sich alle Dichter noch Dichter nennen, obwohl sie die meiste Zeit nicht schreiben, sondern an Demonstrationen gegen bestimmte Politiker teilnehmen, zu spät zur Arbeit kommen, ihre Geldbeutel verlieren, sich mit ihren Geliebten streiten … Aber sie sind immer noch potenziell Dichter, potenziell immer noch fähig, ein Gedicht zu schreiben, vielleicht sogar, wenn sie wollten, ein gutes … Daher, so Agamben, und lassen wir uns von seiner Erkenntnis leiten, existiert jeder Schöpfer sowohl in seiner Potenzialität als auch in seiner Impotenzialität. Jede Fähigkeit wird durch ihr gleichzeitiges Nichtvorhandensein bestätigt, via negativa. Jeder Mensch ist die Potenzialität und Impotenzialität von Möglichkeiten.

© ariel rosé
Doch wie wird diese Impotenzialität Aktualität? Widerstand, lateinisch resisto oder sisto, bedeutet, etwas aufzuhalten, zurückzuhalten und still zu verharren. Wir haben das Potenzial und die Macht, etwas aufzuhalten. „This means,“ hilft Agamben uns weiter zu verstehen, „that to be a poet means to be fully and helplessly delivered to one’s own impotentiality. This is a poet: A man who is completely abandoned to its impotentiality. (…) [T]he resistance of the potentiality-not-to, inscribes itself as an inner mannerism always present in every true artwork, in every true masterwork.“[2]
Der schöpferische Akt wäre demnach etwas, das den Schöpfer selbst übersteigt. Die Poesie sagt, was sie sagt, was sie potenziell sagen wollte, und noch etwas anderes, das nicht ihre Absicht war, sondern in ihrer Impotenzialität liegt. Kontemplation und die Unfähigkeit des Menschen, so Agamben, sind der metaphysische Faktor, der den Menschen menschlich macht. Das Gedicht wird somit zu einer Kontemplation der Sprache. Calasso fügt hinzu, dass es keine eindeutige Definition von Poesie gibt und dass jeder poetische Akt einen Schöpfer, seine Stimme und ein göttliches Element erfordert – einen Bruch, einen Moment der Schönheit, einen Augenblick der Verzückung in einer Welt voller Schrecken und Chaos. Der Moment, als die zwei syrischen Flüchtlinge die Ägäis durchschwimmen und den Sternenhimmel über sich erblicken. Die Etymologie des norwegischen Wortes für Meer – hav – verweist auf das proto-indogermanische *keh₂p-, was so viel wie heben, ergreifen bedeutet. Es könnte die Kälte des Wassers sein, die uns ergreift, oder eine Welle, die uns hebt, ergreift und drückt, aber auch wir können das Meer „ergreifen“, während wir schwimmen.
P.S. Liebe Eva, bitte schalte das Licht im Leuchtturm dort auf der Lofoteninsel nicht aus.
/ ariel rosé (he/they/them)–poet, essayist, illustrator, author of the books morze nocą jest mięśniem serca, PIW 2022 (the sea at night is a muscle of the heart) and Północ Przypowieści, Znak 2019 (North: Parables), and forthcoming: “Ukraine–A Polyphony” (Lost Horse Press) and “ways of swimming”which will be launched in translation to German as “schwimmend” at the Frankfurt Buchmesse; co-editor of Both Sides Face East/Durable Words (Academic Studies Press 2025), Borders De Todos Lados / Fronteras from all Directions (ibidem 2026). ariel is a member of PEN Berlin. Twice a year they have been inviting poets from underrepresented countries to Oslo for a reading–the fruit of which is an anthology “Sammenvevde stemmer” to be issued by HOF, Norway 2026. Recently, ariel has presented their poetry at the International Poetry Festival of Medellín and has been working on an opera on Paula Rego at the Watermill Center, US. https://www.arielrose.art / @arielrosepoet / https://www.facebook.com/rosealeira
Dieser Essay wird in einem von edition.fotoTAPETA herausgegebenen Buch veröffentlicht und auf der Frankfurter Buchmesse präsentiert.
// Deutsche Übersetzung von Marlena Breuer. / Titelbild: Łukasz Mikołajewski
/// NWCC möchte sich beim Autor, Übersetzer und Fotografen für diesen Beitrag zu unserer Website bedanken.
[1] Dt. König, Königin
[2] Im italienischen Original:„essere poeta significa: essere in balia della propria impotenza. Questo è un poeta: un uomo che è completamente abbandonato alla sua impotenza. (…) Nella tela del maestro o nella pagina del grande scrittore, la resistenza della potenza-di-non si segna nell’opera come l’intimo manierismo presente in ogni capolavoro.” (2014) – Auf Deutsch in Schöpfung und Anarchie. Das Kunstwerk und die Religion des Kapitalismus, Matthes & Seitz, Berlin 2017


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